Nun wollte ich mal berichten, wie sich die Arbeit im Krankenhaus so angelassen hat. Nach nun 4 Wochen in der Klinik, hat man ja doch schon einiges gesehen und so langsam kristallisieren sich die Unterschiede zu Deutschland heraus.
Ich arbeite auf einer internistischen Station, wo wir das gesamte internistische Spektrum sehen mit einem nephrologischen Schwerpunkt. Damit habe ich ja in Bruchsal wirklich nicht viel zu tun gehabt und da muss ich mich zusätzlich zu Sprache und System auch noch einarbeiten, aber es macht Spass und ist sehr interessant. Die Dialyseabteilung ist direkt daneben und man hat jederzeit kompetente Ansprechpartner, seien es Ärzte oder Schwestern. Die Einarbeitung geht zum Glück noch recht langsam vorran und manchmal fühlt man sich ein bisschen auf Famulatur/PJ-Niveau, aber es geht mit jedem Tag besser. Ich arbeite im Moment wie die Assistenzärzte, da man erstmal die Basistätigkeiten kennenlernen muss, aber das wird so wohl recht bald ändern. Ich bin Roland zugeteilt, dem erfahrensten Oberarzt der mediz. Klinik und er ist immer da, wenn ich Hilfe brauche. Jeder junge Arzt oder Neuanfänger hat hier einen Anleiter, der steht von vornherein fest und ist dafür verantwortlich, dass man das lernt was man wissen muss, damit man kompetent und selbständig arbeiten kann.
Überhaupt muss man sagen, dass die Organisation völlig perfekt ist hier, wenn man das mit den teilweise chaotischen und improvisierenden Verhältnissen in Deutschland vergleicht. Es gibt sehr viele Handlungsanweisungen und Richtlinien für Schwestern und Ärzte und im Gegensatz zu D sind diese auch jederzeit und überall auffindbar und es wird sich auch sehr streng daran gehalten. Dadurch wird ein hoher und vor allem auch gleichmässiger Standard der Behandlung garantiert und die Richtlinien werden von den grossen akademischen Krankenhäusern nach internationalen EBM-Standards erstellt und auch ständig aktualisiert. Dann werden sie noch von ökonomischer Seite durch die finanziell zuständigen Landstingets (mediz. Verwaltung der Provinzen) abgeklopft. So etwas wie “so haben wir das schon immer gemacht, so machen wir das auch jetzt, da habe ich gute Erfahrungen mit gemacht, basta!” das gibt es hier nicht. Da es aber ja keinen Chef gibt und man als Oberarzt völlig selbständig arbeiten kann, hat man nicht das Gefühl, als wäre man nur ausführender Roboterarzt und es bleibt ja auch noch genug Spielraum um sich selbst einzubringen.
Was man aber am meisten kennenlernen muss ist das hiesige System: es ist ja ein völlig staatliches System, fast wie in der DDR und da läuft einiges anders, als ich es gewohnt war. Ausser der sehr guten Organisation, ist es vor allem sehr kosteneffektiv angelegt. Die Patienten bleiben nur sehr kurz in der Klinik und es wird möglichst viel ambulant gemacht in den vielen Ambulanzen der Klinik, wo ich auch sehr viel arbeiten werde. Wenn ein Patient entlassen wird gibt es eine lückenlose Betreuung, welche durch die Schwestern oder Sozialarbeiter organisiert wird. Z.b. ist die Rehaklinik 2 Stockwerke über uns und auch alle Altersheim und ambulanten Pflegedienste gehören ja auch zu unseren Landstinget, dass heisst wir sind alles Kollegen sozusagen und deshalb ist es keine Frage, dass man zusammenarbeiten muss. Es gibt ja auch nur eine staatliche Apotheke (bis jetzt, das soll sich wohl ändern) und so schicke ich der Apotheke, wenn ein Patient nach Hause geht schnell ein Rezept über alle neuen Medikamente und dann sich der Patient die Medis entweder bei uns im Krankenhaus oder bei jeder Apotheke in Schweden, die mein Rezept sofort abrufen kann, abholen. Doppeltverschreiben gibt es nicht hier und ob ein Patient bald neue Tabletten braucht, sehe ich mit ein paar Mausklicks im PC. Witzig wenn man aus D kommt ist auch, dass man dem Patienten, wenn er nach Hause geht einen Brief mitgibt, der an ihn und die Angehörigen gerichtet ist, wo sie nochmals grob nachlesen können was los war; dementsprechend muss man es auch allgemein verständlich formulieren (Kurzfassung ungefähr so: Lieber Jan, du warst hier wegen Husten und Fieber. Im Röntgenbild und Blutuntersuchung fanden wir eine Lungenentzuendung, aber keinen Tumor. Wir haben dich mit Antibiotikum behandelt. Ein Rezept habe ich zur Apotheke geschickt, wo du die Medis abholen kannst. Du musst das Antibiotikum noch bis … weiternehmen. In 2 Wochen muss man dies oder jenes kontrollieren. Alles Gute, Dein Gunter)
Wenn man aus Bruchsal kommt, ist es schon fast ein Kulturschock, wie hier mit dem Computer gearbeitet wird. Alles ist völlig digitalisiert und ich kann hier in unserer Provinz Dalarna, alles über meine Patienten lesen, was sich seit 1999 in ihrer Krankenakte steht, aus allen medizinischen Fachrichtungen, samt allen Laborbefunden, Röntgenbildern, EKG, Lufus, etc, wer, wann welches Medikament verschrieben hat, welche Schwester am 13. Mai 2001 um 21:11h den RR gemessen hat oder wer dem Patienten wann und welche Tablette gegeben hat. Es ist der völlig gläserne Patient und Schweden ticken da völlig anders als Deutsche. Datenschutz ist ein Fremdwort und der Glaube an den guten, für das Individuum vorsorgenden Staat ist unendlich. Wenn man da das Hickhack mit der Gesundheitskarte in D denkt, muss man schon ein bisschen schmunzeln. Alle sind aber auch sehr konsequent und es wird enorm viel dokumentiert auch von den Ärzten und man loggt sich am Tag ca. 30-50 in den PC ein und muss auch alle Laborwerte, Aufzeichnungen mit Passwort abzeichnen. Da wird wirklich völlig lückenlos dokumentiert und auch die Schwestern machen natürlich Visite mit Laptop. Man kann aber auch völlig in Ruhe in seinem Zimmer – natürlich hat jeder Arzt hier ein Zimmer mit PC, Kleiderschrank, Regal und Drucker, auch die Neuanfänger von der Uni – schon mal eine kleine Kurvenvisite machen, bevor man sich überhaupt auf Station sehen lässt morgens und weiss schon welche Patienten einen erwarten.
Manchmal denkt man aber auch, dass man einen Bürojob hat soviel sitzt man vor dem PC. An jedem PC ist auch Diktiergerät und alles wird sofort diktiert und je nach Dringlichkeit von den Arztsekretärinnen, die auf jeder Station und noch in einem zentralen Schreibzimmer sitzen geschrieben. Das ist schon angenehm ohne grosse Aktenberge an seinem Schreibtisch zu diktieren und wenn einem einfällt, dass noch ein Befund fehlt, dann schaut man eben einfach im PC nach und blätter durch die elektronische Akte. Man kann sich auch alle noch nicht geschriebenen Diktat jederzeit an jedem PC anhören.
Das frappierenste aber wenn man aus D kommt ist die Ruhe die hier herrscht: Aufregung oder Hektik habe ich noch nicht erlebt, nicht mal wenn ein Patient eine Magenblutung hat und einen Hb von 5. Man nimmt sich Zeit für einander, die Leute sind sehr höflich, vor allem auch zu den Patienten und vor allem auch die Krankenschwestern haben oder nehmen sich viel Zeit. Man merkt das z.B. daran, dass fast kein Patient hier einen Blasenkatheter hat. Alle werden aufs Klo oder Toilettenstuhl gebracht oder haben eben Windeln. Auch eine Magensonde ist schon sehr ungewöhnlich, da sich auch mit dem Füttern viel Zeit genommen wird. Fast kein Patient hat eine Thrombosprophylaxe: es gibt genug Personal, das die Patienten aus dem Bett holt, (fast) alle Patienten nehmen ihre Mahlzeiten im Speisesaal zu sich, aktive Thromboseprophylaxe sozusagen. Die personelle Besetzung ist eben auch deutlich besser, aber es gibt eben auch nur ca. 70-80 internistische Betten für ca. 85.000 Menschen in unserem Einzugsgebiet, da kann man natürlich auch mehr Personal pro Bett zur Verfügung stellen. Die Ressourcen sind schon schmaler als in D, aber sie werden sehr optimal ausgenutzt und es wird eben auch keine Untersuchung doppelt gemacht und man muss jede Untersuchung sehr genau begründen. Die Konsilanschreiben für ein Sono-Abdomen, welches die Radiologen machen, sind länger als mancher Kurzarztbrief in Deutschland.
Was auch sehr gut läuft ist die Patientencompliance und Nachbetreuung. Es gibt Schwestern für alles: Antikoagulations-, COPD-, Diabetes-, Fussambulanz-, Echo-, Heimdialyse-, Schlaganfall-, Herzinsuffizienzschwestern, die die Patienten teils selbständing, teils mit Ärzten auch in eigenen Ambulanzen nachbetreuen. Damit ist doch eine sehr hohe Compliance nach Entlassung gewährleistet. Welcher dt. Arzt nimmt sich schon eine halbe Stunde Zeit mit seinem COPD-Patienten nochmals alles Inhalationen zu erklären und alles über Sauerstoff zu besprechen und dass dann in gewissen Abständen auch wieder zu kontrollieren. Die Konkurrenz zwischen Ärzten und Schwestern gibt es nicht und ich hatte schon mehrere Fortbildungen von Schwestern für Ärzte – in D fast undenkbar!
Mit der Sprache geht es auch schon super und ich mache meine Visiten alleine und komme da gut zurecht. Wenn es nicht geht, weil einige alte Leute ohne Zähne zu sehr nuscheln, dann helfen die Schwestern. Aber es gibt eben andere Medikamente mit anderen Namen und auch ganz andere Standards als in D und da muss man eben auch sehr viel lernen und umdenken, aber es macht auch Spass zu sehen, dass Medizin eben verschiedene Wege zum Ziel führen. Nur in der Inneren sind wir glaube ich ca. 20 ausländische Ärzte, es ist unglaublich, aber es belebt auch und jeder bringt neue Ideen mit (8xD, Polen, Irak, Holland, Rumänien, Bulgarien, Österreich, 2xSyrien, 4xGriechenland, ?) und auch in den anderen Abteilungen sind es bunte Mischungen. Mittags ist immer eine Stunde Mittagspause und da gehen alle ins Klinikrestaurant essen und Kaffeetrinken und das ist völlig heilig, genauso wie die Kaffeepause morgens nach der Röntgenbesprechung – da herrscht dann auch immer ein wildes Sprachenmischmasch, aber alle kommen doch auf Schwedisch zusammen. Da wird man auch nie angefunkt, wobei man überhaupt sagen muss, dass der Piepser hier nur selten losgeht, ausser wenn man Dienst hat.
Überall hängen PCs in denen man sich als Stechuhr morgens und abends ein- und ausloggt und immer sein Zeitkonto sehen kann. Diese Zeiten werden auch knallhart ausgeglichen, da gibt es kein Wenn und Aber. Es ist schon komisch, wenn man um 16.15h aus der Tür marschiert, um nach Hause zu gehen. Man macht sich aus Gewohnheit aus Deutschland fast automatisch noch ein bisschen klein und denkt man sollte die Hintertür benutzen, aber das ist gar nicht nötig. Letztens traf ich meinen Chef, der meinte nur jetzt werde es aber Zeit, denn es sei schliesslich so schönes Wetter und die Kinder warteten ja zu Hause. Man könnte noch vieles schreiben, aber jetzt muss mal Schluss sein, wen es interessiert sollte halt mal vorbeikommen und es sich selbst anschauen. Vielleicht war das alles ein bisschen positiv und der Anfangseuphorie geschuldet, über die negativen Seiten, vor allem wenn ich mehr noch als Oberarzt eingebunden werde und auch an Wochenenden und Nächten arbeite, schreibe ich dann ein anderes Mal.
* “Hallo ich heisse Gunter, wie geht’s Dir heute?” – die übliche Vorstellung bei den Patienten während meinen Visiten